Osterstraße und Umgebung

Interview zu den Coronamaßnahmen mit Gerd Hofrichter von der Bäckerei Junge in der Osterstraße

Frage 1 Erleben Sie Unterschiede dieses Lockdowns zu dem vom Februar-Mai 2020

Nun ja – allein die Dauer des Lockdowns – der erste war vom März bis Anfang Mai 8 Wochen, während dieser schon seit November bis heute anhält – also mindestens doppelt so lang. Wir verzeichneten Umsatzeinbußen von bis zu 50 Prozent bei laufenden Kosten.

Frage 2 Wie ist die Stimmung im persönlichen Kontakt mit Behördenmitarbeiterinnen

Dazu kann ich keine Aussagen machen, denn wirkliche Hilfe durch die Behörden gibt es nicht: zu viele unterschiedliche Regelungen, nur Durchsetzen von Bestimmungen etc. wir sind in sechs Bundesländern vertreten, da ist von einer einheitlichen Strategie überhaupt keine Rede.

Frage 3 Haben Sie Corona-Hilfen beantragen können und zeitnah ausgezahlt bekommen

Mit zeitlichen Verzögerungen haben wir beantragen können, Hilfe ist bis heute nicht oder nur ungenügend angekommen.

Frage 4 Reichen die zugesagten Hilfen, um Ihre Bäckerei im Frühsommer wieder zu öffnen:

Da zugesagte Hilfen nur spät oder gar nicht ankommen, müssen wir uns selbst kümmern. Aber wir werden wieder für unsere Gäste da sein..

Frage 5 Reichen die Gelder auch für Ihre Angestellten Wie sehen Sie deren derzeitige Situation

Was wirklich hilft, ist das Kurzarbeitergeld. Aber das allein sichert kein Überleben. Nur wer ausreichend Reserven als Unternehmen besitzt, wird diese Krise überstehen.

Wir wollen, dass es unseren Mitarbeitenden gut geht und stehen gerade in der Krise an Ihrer Seite und tun alles dafür, dass es schnell wieder aufwärts geht. Als 125 Jahre altes Familienunternehmen stehen wir zu unserer Verantwortung und kümmern uns um unsere Mitarbeitenden.

Frage 6 Wie sehen Sie die Berichterstattung in den Medien zur Situation von Bäckereien und Konditoren:

Bäckereien und Konditoreien finden in den Medien nicht oder nur ungenügend statt – es sei denn, man kümmert sich selbst. Die Öffentlichkeit glaubt, die Bäckereien hätten ja alle geöffnet. Das aber ist nur die halbe Wahrheit: alle Cafés und Außencafés sind gesperrt und öffentliches Leben findet nicht mehr statt. Das hat drastische Auswirkungen auf uns. Es gibt kein Catering, keine Gastronomie vor Ort. Verkehrsstandorte, Innenstädte, Einkaufszentren, Krankenhäuser oder touristisch geprägte Standorte sind verwaist. Aber die Kosten laufen weiter. Wir sind und bleiben aber optimistisch.

Frage 7 Mussten Sie Ihren Betrieb im Lockdown verkleinern Mussten Sie Mitarbeiterinnen entlassen

Wir mussten fast 30 Geschäfte vorübergehend schließen und hoffen darauf, dass wir in der Saison und nach dem Lockdown wieder alle Geschäfte öffnen können.

Niemand musste entlassen werden. Das Kurzarbeitergeld wurde durch unsere Geschäftsführung auf 80% erhöht und es wurde sogar Weihnachtsgeld gezahlt. Unsere Mitarbeitenden leisten Außerordentliches – das wollten wir honorieren.

Frage 8 Was würden Sie sich von der Politik der Bezirksversammlung und des Senats zukünftig wünschen

Sofortige Hilfe, sofortige Impfung, sofortige digitale Nachverfolgung – machen Sie Ihren Job – Bezirks- und Länderübergreifend. Warum z.B. gibt es nach einem Jahr immer noch keine digitalen Hilfsmittel, Kontakte nachzuverfolgen. Wir füllen immer noch ZETTEL aus. Damit kann man keine Pandemie bekämpfen. Jetz kommt das Chaos mit den Schnelltests hinzu.

Frage 9 Sehen Sie größere Versäumnisse in der Corona-Politik der Bundesregierung, u.a. für Gewerbetreibende

Klar – sehen Sie sich Antwort 8 an. Wir fordern: Setzen Sie sofort die Impfungen um.

Frage 10 Was sagen Kunden und Freunde Bildet die derzeitige Corona-Politik Ansichten Ihres Bekanntenkreises ab

Die Frage verstehe ich nicht – es bildet sich zunehmend Frust und Unmut. Die Übereinstimmung mit den Maßnahmen und vergangenen Leistungen der Verantwortlichen ist teilweise desaströs.

Kümmern Sie sich um uns und unsere Branche: Bäckereien, Konditoreien, Gastronomie!

Abschließend möchte ich sagen, dass wir als 125 - jähriges Lübecker Familienunternehmen viele Herausforderungen gemeistert haben. Wir werden auch aus dieser Pandemie gestärkt herausgehen und wieder für unsere Gäste da sein – das ist unser Versprechen.

Mit ofenfrischen Grüßen

Gerd Hofrichter

 

Interview mit Jeannette Weißkopf, Inhaberin des 10er Friseur, Osterstraße in Hamburg-Eimsbüttel

Das Interview fand am 11.03.2021 um 13:30h statt und wurde von J.A.Dennis Gehrmann geführt.

Frage 1: Erleben Sie Unterschiede dieses Lockdowns zu dem vom Februar-Mai 2020?

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ist die Bundesregierung mit viel Vertrauensvorschuss in der Pandemie unterstützt worden. Dieses Vertrauen ist weitestgehend dahin. Statt den Sommer 2020 mit vernünftigen Regelungen für den Einzelhandel zu kommen, wurden wir Selbstständige zum Ende des Jahres wirklich bitter enttäuscht. Seitdem glaubt man den Versprechungen, vor allem denen von Gesundheitsminister Jens Spahn, nicht mehr. Die Regierung agiert oftmals chaotisch und panisch.

Frage 2: Wie ist die Stimmung im persönlichen Kontakt mit Behördenmitarbeiter*innen?

Diese Frage wurde im persönlichen Gespräch nicht gestellt.

Frage 3: Haben Sie Corona-Hilfen beantragen können und zeitnah ausgezahlt bekommen?

Wir haben Hilfen beantragt, diese wurden aber abgelehnt. Ein Widerspruch ist kostenpflichtig. Dazu muss die Soforthilfe von März- April 2020 mit 5% Verzinsung zurückgezahlt werden. Ich musste im ersten Lockdown meinen Dispo in Anspruch nehmen, um schnell an zusätzliche Liquidität zu kommen. Dadurch wurde mir aber ein KfW-Darlehen verwehrt, weil mein verfügbarer Dispo auf dem Girokonto (Anm: Kontokorrent für Unternehmen) als verfügbare Liquidität galt. Ich muss ja nicht sagen, wie teuer ein Dispo ist. Seitdem lebe ich von der Substanz. Als Selbstständige habe ich keinen Verdienstausfall erhalten. Die Dezemberhilfen galten nur für Gastronomen. Im Dezember gab es dann die Coronahilfe III, die mit 30% Umsatz angesetzt wurde. Obwohl wir nur bis 16.12.2020 offen hatten, sprich halber Monat 50%. Dazu kommt, dass man eigentlich auch in der Politik wissen müsste, dass der Dezember der umsatzreichste Monat für fast alle Gewerke ist. Also eine geplante 0 Nummer. Ich warte übrigens immer noch auf die Auszahlung. Von den Behörden bekomme ich dabei nicht mal eine E-Mail. Den Kurzarbeitszuschuss muss ich über meine Liquidität 14 Tage vorstrecken.

Frage 4: Reichen die zugesagten Hilfen, um Ihren Friseursalon demnächst wieder zu öffnen?

Wir konnten glücklicherweise die Mieten stunden, und weil ich vorher überhaupt keine Kredite aufgenommen hatte, sondern den Laden zu 100% aus Eigenmitteln und dem laufenden Einnahmen finanzieren konnte, konnte ich durch die Beleihung der Substanz den Laden ohne Kündigungen trotz fehlenden Umsätzen mit allen Mitarbeitern diese Woche wieder eröffnen, aber es ist sehr schwierig.

Frage 5: Reichen die Gelder auch für Ihre Angestellten? Wie sehen Sie deren derzeitige Situation?

Wenn ich meine Mädels (in dem Friseursalon arbeiten ausschließlich Frauen) nicht in Kurzarbeit geschickt hätte, hätten sie sich Arbeitslos melden müssen. Sie hätten dann nur 60% des Lohns gehabt. Bei manchen hätte das nicht einmal mehr für die Wohnungsmieten und lfd. Kosten gereicht.

Frage 6: Wie sehen Sie die Berichterstattung in den Medien zur Situation von Friseursalons?

Die ganzen Medien machen ständig Panik. Dabei sind die Inzidenzen gar nicht aussagekräftig. In manchen Landkreisen gab es höhere Inzidenzen wegen Corona-Ausbrüchen in Pflegeheimen. Dadurch wurde die Bevölkerung zusätzlich verängstigt und tlw. Ausgangssperren verhängt, aber dies bildete nicht das Infektionsgeschehen außerhalb der Heime ab. Man hat damit den Pflegekräften und Bewohnern keinen Gefallen getan, weil man im Alltag an diese Menschen nicht mal gedacht hat. Bei uns in Eimsbüttel liegen die Zahlen immer noch sehr niedrig, teilweise ist das hier nachgewiesene Infektionsgeschehen statistisch gar nicht abbildbar. Trotzdem gibt es nur dieses eine Thema. Dazu kommt, dass man viele andere Themen wie Umwelt nicht mehr in den Medien fand, man hätte z.B. ein Recylclingsystem für die Lieferservice-Gastronomie etablieren können, statt dessen sammelte sich auf Plätzen und im Sommer auf der Straße unglaublich viel Müll, und sei es Pizzapackungen. Ich möchte darauf hinweisen, dass man viele Menschen und Branchen durch den Lockdown regelrecht in Schwarzarbeit getrieben hat, denn manche Dienstleistung wurde ja dennoch weiterhin nachgefragt. Man hätte darüber berichten müssen, es gibt schließlich eine ganze Menge selbstständiger Friseure. Auch andere Branchen sind in Schwarzarbeit weiterbetrieben worden, und haben möglicherweise zu neuen Ansteckungen geführt. Man hätte die Hygieneschutzmaßnahmen in den Läden nutzen sollen.

Frage 7: Mussten Sie Ihren Betrieb im Lockdown verkleinern? Mussten Sie Mitarbeiter*innen entlassen?

Glücklicherweise nicht. Ich hätte mich auch von keiner meiner Mädels trennen wollen. Wir mussten da gemeinsam durch. Ich hätte mir auch gewünscht, die SPD hätte mal gesagt, die Betriebe, die keine Mitarbeiter*innen entlassen, bekommen nach der Krise eine extra Prämie. Schließlich liegen wir dem Staat nicht auf der Tasche, im Gegenteil, mit unseren Steuern finanzieren wir ja die Sozialkassen. Jetzt können wir alle mal wieder arbeiten und freuen uns, nicht mehr nur zu Hause alleine auf die nächsten Corona-Zahlen zu warten. Ich habe übrigens irgendwann aufgehört, Nachrichten zu hören und habe den Fernseher abgeschaltet. Diese einseitige Berichterstattung machte mich nur wütend.

Frage 8: Was würden Sie sich von der Politik der Bezirksversammlung und des Senats zukünftig wünschen?

Aktuell haben wir die Vorgabe, jede Woche alle Mitarbeiterinnen einmal am Morgen auf Corona zu testen. Diese Tests kosten mich für meine 12 Angestellte und mich 65 Euro pro Woche zusätzlich. Es kann nicht sein, dass uns diese Kosten auch noch per Verordnung aufgebürdet werden, wo doch die Bundesregierung die Pandemie nicht unter Kontrolle bekommen hat und vernünftige Maßnahmen ergriffen hat. Statt also uns zu helfen, wieder in Sicherheit unsere Läden zu öffnen, fühlt man sich auch noch durch die Verordnung gegängelt. Warum nicht die Tests kostenlos für Gewerbetreibende anbieten oder eine Möglichkeit, sich in einer Schule oder Turnhalle regelmäßig kostenlos testen zu lassen. Stattdessen wurden für Millionen Testzentren aufgebaut, und wegen mangelnder Nachfrage wieder abgebaut, weil man jeden Test mit 39 Euro oder so selbst bezahlen musste. Der Bezirk sollte doch ein Interesse haben, gerade die Läden in Eimsbüttel in der Nähe und in der Osterstraße zu erhalten. Ich habe gehört, dass einige Gastronomen aufgeben werden, und da bekommt man Zukunftsangst. Ich würde mir wünschen, wenn der Staat die Mieten für die Zeit des Lockdowns nachträglich übernehmen würde, das würde helfen, denn viele mit einem eigenen Geschäft sitzen nun in einer Schuldenfalle. In wie weit dies andere Profiteure nach sich zieht, wird man in ein-zwei Jahren sehen, aber natürlich denkt man darüber nach, ob nicht schon auf die lukrativsten Einzelhandelsflächen in unserer Stadt internationale Investoren die Fühler ausgestreckt haben, während wir hier fremdbestimmt von zu Hause ohne Kontakte zusahen, wie die Außenstände für den Einzelhandel weiter aufliefen und die Banken die Kreditzinsen immer noch weiter aufsummierten.

Auch verstehe ich nicht, wieso man die Mehrwertsteuer senkte, wo doch nur der Versandhandel davon richtig profitierte. Der Staat hat hier Einnahmen liegen gelassen. Statt auf anderem Wege Erleichterungen für die kleinen Betriebe zu schaffen, hat man die Menschen dazu animiert, noch mehr bei den großen Playern zu kaufen. Ihr seht ja auch, was hier los ist, wenn jeden Tag die Pakete angeliefert werden. Wo ist die Unterstützung der Politik für den Einzelhandel, der einen Großteil der Arbeitsplätze stellt. Nicht jeder kann online einkaufen, und eine Geschäftsstraße wie die Osterstraße lebt von den verschiedenen Läden, die zum bummeln und stöbern einladen und für die Produkte und Restaurants zum Erholen und gutem Essen und Trinken Begeisterung wecken. Manche große Läden bieten ja neben Lebensmitteln das ganze Sortiment an und durften weiterhin alles verkaufen, aber der Fachhandel wurde dicht gemacht. Warum? Hätte es so viel mehr Ansteckungen gegeben? Im Gegenteil: Bei den großen Ketten fährt man sich gegenseitig in die Hacken mit den Einkaufswagen, kauft dort auch einen Fernseher oder Stereoanlage oder Bügeleisen. Die Politik hat vollkommen weltfremd einen Teil des Einzelhandels in die Existenznot getrieben, und andere unerwartet und ungleich bevorzugt. Man muss diese Dinge ansprechen dürfen, aber man hat keine Öffentlichkeit.

Frage 9: Sehen Sie größere Versäumnisse in der Corona-Politik der Bundesregierung, u.a. für Gewerbetreibende?

Wir Gewerbetreibende haben keinen Verdienstausfall bekommen, NICHTS, bis heute. Ich habe sogar meine Altersvorsorge anzapfen müssen, um meine eigene Wohnung behalten zu können. Die Politik entscheidet an den einzelnen Leuten vorbei, hat aber uns unsere Grundrechte abgesprochen. Ich darf meine Eltern besuchen, aber meine Eltern mich nicht, weil sie dann zu zweit kommen müssten. Das ist alles zum Heulen. Ich habe viele Heulkrämpfe zu Hause gehabt, weil ich nicht mehr weiter wusste. Meine Alltagsfreude ist dahin, ich möchte nicht sagen, eine Depression zu haben, aber ich habe mich verändert in der Pandemie. Ich sehe heute manche Entscheidung im Nachhinein sehr kritisch. Warum bekommen Hartz IV-Empfänger „einen Schnaps obendrauf“ und ich muss um meine Wohnung fürchten? Sicherlich haben sie auch ausgaben, aber ich habe Angestellte, ich erledige den Papierkram, damit es meinen Laden auch noch in 2-3 Jahren gibt, und es wird nur bei mir an die unternehmerische Eigenverantwortlichkeit appelliert, aber nicht bei den nicht-Berufstätigen.

Frage 10: Was sagen Kunden und Freunde? Bildet die derzeitige Corona-Politik Ansichten Ihres Bekanntenkreises ab?

Ich habe zuletzt immer mehr nur noch mit Freunden telefoniert, auch im Ausland. Wir erfahren hier nichts über die Entwicklungen in anderen Ländern, und man kommt sich vor, als wäre man eine Marionette der Regierung und der Medien, die keine eigenen Rechte mehr hat und der man jede Eigenverantwortung abgesprochen hat. Die Regierung hat nicht mit Augenmaß gehandelt und die immer hektischer beschlossenen Maßnahmen ergaben irgendwann auch keinen logischen Sinn mehr. Ich sehe bei meinen Kunden eine zunehmende Gereiztheit und Depression. Viele von ihnen haben den Lockdown nicht gut überstanden. Dazu kommt, dass manche von ihnen auch Kaufkrafteinbußen hinnehmen mussten und nun die steigenden Preise in manchen Läden nicht so ohne weiteres leisten können. Meine Preise hatte ich nach dem 1. Lockdown angepasst und halte sie jetzt, um Kunden nicht noch zusätzlich zu belasten. Man muss sehen, wie es sich entwickelt. Man wundert sich, dass es in Deutschland nach wie vor so ruhig ist, zwar gehen auch hier immer mal wieder welche auf die Straße, aber man hört dann immer, das seien die falschen, die demonstrieren. Man muss sich doch mal links und rechts von den Medien umgucken und den Menschen zuhören, dann erfährt man auch andere Ansichten. Wir sind Unternehmer und lieben unsere Arbeit, wir tun alles für unsere Angestellten und Kunden, dass sie sich bei uns wohl fühlen. Wir handeln nicht verantwortungslos und lesen hin und wieder Zeitung, um auf den Laufenden zu bleiben. Das ist unsere Bürgerpflicht und unsere Aufgabe als Unternehmer*in, aber so wie das das letzte Jahr war, hat es mich verwundert.

Dazu kommt, dass man ja eigentlich gar nichts mehr an Hintergründen erfahren hat, und dass die Berichterstattung mehr als tendenziös war, gerade über Trump. Er hat wenigstens genug Impfstoff besorgt, die Impfstrategie funktioniert unkompliziert und ist vorangeschritten und klugerweise hat er über die Hausbanken die staatlichen Soforthilfen zur Verfügung gestellt, die innerhalb 3 Tagen ausgezahlt wurden. Wer kennt Dich als Unternehmen besser als deine Hausbank? In Amerika hat es keinen landesweiten Lockdown gegeben und die Zahlen, so hoch sie zwischenzeitlich auch waren, müssen doch auch in Relation zur höheren Einwohnerzahl der USA gesetzt werden. Den Menschen wurde hier sehr viel Angst gemacht, und man hat den Eindruck, dass erst in den letzten Tagen unsere Presse aufgewacht ist und die Regierung kritisiert. Dazu kommen die aufgedeckten Korruptionsfälle.

Ich würde mir wünschen, wenn die Politik wieder mehr uns Selbstständige in den Blick nehmen und uns unterstützen würde, und nicht nur noch die großen Player. Wir sind Eimsbüttel und lieben diesen Stadtteil, wir machen ihn lebens- und liebenswert, nicht die Onlinehändler. Es sind die Gespräche, die wir im Laden führen, die das Leben lebenswert machen. Wir sind Seelsorger, wir sind Typberater, wir freuen und leiden mit unseren Kunden mit. Unsere Kunden haben uns sehr vermisst und wir sie auch.

Zehn Fragen zum „Lockdown“ aufgrund von Covid-19 an Torsten Meinicke, Buchladen Osterstraße 171

In Frankreich durften während des Lockdowns im Gegensatz zu Deutschland Buchhandlungen offen bleiben. Sehen Sie hier ein Versäumnis der Bundesregierung

Frau Grütters hat sich in dieser Zeit wiederholt sehr für den Buchhandel eingesetzt, konnte sich aber leider nicht durchsetzen. Jedoch hat das „Hintertürchen“, dass bestellte Bücher vor dem Buchladen abgeholt werden konnten, das Schlimmste – zumindest für unseren Buchladen – verhindert.

Konnten Ihre kurzfristig ergriffenen Maßnahmen wie ein persönlicher Lieferdienst „von Tür zu Tür“ ein Teil des weggefallenen Tagesgeschäftes kompensieren? Copyright: Silke Hauser

Die fünf Wochen des Lockdowns waren sehr anstrengend und arbeitsintensiv. Die Bestellungen über unseren Web-Shop schossen in die Höhe. Wir lieferten zu Fuß, mit dem Fahrrad und dem Motorrad im näheren und weiteren Umfeld aus. Das führte zu Frischluft, Stress pur und noch bescheideneren Margen als üblich. Aber ja, dank unserer treuen Stammkundschaft und da wir in der oberen Osterstraße nicht nur von Laufkundschaft leben, haben wir diese Zeit ganz gut überstanden.

Haben Sie den Eindruck, Buchhandlungen haben vor und nach dem ersten Lockdown einen negativen Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland gehabt

Papier ist geduldig“, wird ja gesagt. Aber soweit ich gelesen habe: Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geht die Übertragungsmöglichkeit des Virus von Papier auf den Menschen sehr schnell gegen null. Außerdem sind unsere Kundinnen und Kunden sehr rücksichtsvoll, halten Abstand und tragen ihre Schnutenpullis. Und natürlich achten auch wir im Buchladen akribisch auf alle Hygienevorschriften. Die Gefahrenorte zur Ausbreitung des Virus befinden sich also definitiv woanders, in den Buchhandlungen sicherlich nicht.

Haben Sie nach dem ersten Lockdown Betriebsmittel in ihre Hygienekonzepte

investiert

Klar, Tücher, Desinfektionsmittel, Plexiglasscheiben und Hinweisschilder gehören im Buchladen Osterstraße seit März 2020 zum Standard. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass wir dafür einmal Geld ausgeben müssen. Lieber hätten wir es natürlich in spannende und politisch relevante Literatur investiert.

Welche Impulse erwarten Sie von den politischen Parteien in Eimsbüttel zur Kulturpolitik

Wir würden uns wünschen: 1. Ein ernsthaftes Handeln gegen Mietwucher.
2. Ein konsequentes Vorgehen gegen Leerstand, denn der fällt schlussendlich auf alle Gewerbetreibenden in der Osterstraße zurück. 3. In diesen Zeiten ein Höchstmaß an finanzieller Unterstützung, vor allem für selbstständige Künstlerinnen und Künstler.

Wieviel Geschäft haben Sie während des Lockdowns an Internethändler abgeben müssen

Ich hoffe, gar nichts. Wie schon gesagt, hat unser Web-Shop seit März 2020 gehörig an Fahrt aufgenommen. Aber die bundesweiten Statistiken sagen ja, dass Amazon und Co die Gewinner der Krise sind. Und das nervt, denn – es kann nicht oft genug gesagt werden – Kein Schwein braucht Amazon! Vor allem, da Bücher überall das Gleiche kosten.

Welche Erwartung haben Sie zur Geschäftstätigkeit in der Osterstraße für die nächsten Jahre

Seriös kann ich das heute nicht beantworten, denn niemand weiß, welche ökonomischen, sozialen und psychischen Verwerfungen die Pandemie noch mit sich bringen wird. Aber wir schauen nach vorne und haben gerade unseren Mietvertrag um 10 Jahre verlängert, denn wir sind entschlossen, Eimsbüttel auch weiterhin mit gefährlich guter Literatur zu versorgen. Und natürlich hoffen wir sehr, dass die Menschen in unserem Quartier das nutzen und die Osterstraße als Ort der Nahversorgung so am Leben halten.

Welche positiven Impulse erwarten Sie für Ihre Buchhandlung vom diesjährigen Weihnachtsgeschäft

Das ist eine etwas skurrile Frage, denn wer von uns weiß schon, wie es weitergeht. Sicher entscheidet das Weihnachtsgeschäft über das Wohl oder Wehe des ganzen Jahres in der Buchhandelsbilanz. Aber könne Familientreffen zu den Feiertagen stattfinden? Wird das kleine und feine Buchgeschenk überhaupt gebraucht? Wie wissen es – Stand heute – nicht. Aber wenn ganz Eimsbüttel zu uns und den anderen Kolleginnen und Kollegen in der Osterstraße kommt, um Bücher vor Ort statt online zu kaufen, wird das schon gutgehen. Aber das Wichtigste ist, dass möglichst alle gesund bleiben. Also: Kommt zahlreich, aber bitte nacheinander!

Wie wirken sich die in diesem Jahr quasi ausgefallenen Buchmessen auf die Nachfrage von Neuerscheinungen aus

Das betrifft uns nicht sonderlich stark, ist doch der Buchladen Osterstraße schon immer für seine Beratungskompetenz berühmt. Die klassische Stapelware spielt bei uns im Laden nicht die Hauptrolle, wir empfehlen stattdessen gern gute Literatur aus unabhängigen und politischen Verlagen.

Welche Bücher möchten Sie unseren Leser*innen aktuell gerne ans Herz legen und empfehlen Sie als Weihnachtsgeschenk

Oh, jetzt müsst ihr mich bremsen! Ich nenne stellvertretend für viele Bücher nur drei: 1. Michael Weber, Martha. Ein Leben auf St. Pauli, Junius Verlag. Das Ensemblemitglied des Schauspielhauses schreibt über seine frühe Zeit in Hamburg Anfang der 1980er-Jahre. Das alles mit viel Witz und Empathie für die sogenannten „kleinen Leute“. 2. Dominique Manotti, Marseille.73, Argument Verlag. Die ehemalige Professorin für Wirtschaftsgeschichte und aktive Gewerkschafterin aus Paris schreibt definitiv die besten politischen Noir-Krimis der Zeit. 3. Katrin Seddig, Sicherheitszone, Rowohlt Verlag. Die Hamburger Autorin macht den G20-Gipfel in unserer Stadt und seine Verwerfungen innerhalb von Familien zum Thema. (Dank noch einmal an Olaf Scholz!). 31 aktuelle weitere Lesetipps gibt es auf unserer Website und bei uns im Buchladen im „Lesefutter Winter 2020“. Und vielen Dank für das Gespräch!

Wir bedanken uns ebenfalls. Die Fragen für den Blickpunkt stellte Dennis Gehrmann

Die Osterstraße im November 2020

Im zweiten Lockdown seit dem 2. Novembert dem so genannten „Lockdown-Light“, zeigen sich die Einzelhändler im Bezirkszentrum Osterstraße verhalten optimistisch. Immerhin, die Frequenz der Passantinnen und Passanten in der Einkaufsstraße sieht gut aus. Die Kundinnen und Kunden in Eimsbüttel zeigen Solidarität und erledigen ihre Einkäufe größtenteils im eigenen Stadtteil, so ist zumindest die mehrheitliche Meinung der Einzelhändler. Jetzt im November werden bereits erste Weihnachtseinkäufe getätigt, da man nicht weiß, wie die Situation im Dezember aussehen wird. Wir reden hier aber in keiner Weise von den Umsätzen während eines normalen Vorweihnachtsgeschäftes. Genauer betrachtet ist die Lage in den einzelnen Bereichen sehr unterschiedlich. Gerade die Bekleidungsbranche schwächelt doch sehr. Die Geschäfte mit hochwertigen Gütern haben Umsatzzahlen, die denen der vergangenen Jahre zumindest ähneln. Diese Unterschiede haben vor allem mit der Mehrwertsteuersenkung zu tun. So entscheiden sich viele Eimsbüttelerinnen und Eimsbütteler für die Anschaffung eher teurer Waren. Für die Bekleidungsgeschäfte wirkt sich neben dem milden Wetter auch der Wegfall der Gastronomie sehr negativ aus. Den Einkauf von Bekleidung gestaltet man doch eher als Shoppingbummel und verbindet ihn gerne mit einem Kaffee. Den hochwertigen Einkauf tätigt man eher gezielt nach einer längeren Kaufentscheidung. Trotzdem sind die Einzelhändler ihren Kunden dankbar und froh, in einem Stadtteilzentrum mit einem wohnortnahen Umfeldsein Geschäft zu haben. In der Innenstadt ist der Shoppingcharakter ungleich höher anzusetzen. Die Touristen bleiben seit dem 1. November wieder aus, und auch die Tatsache, dass die Gastronomie nicht öffnen darf, führt dazu, dass die Verweildauer der Kunden auf ein Minimum beschränkt ist. Der Shoppingbummel kommt nicht vor. Durch das Home Office fehlt ein Großteil der Kunden, die in der Mittagspause ihre Einkäufe tätigten und/oder nach Feierabend noch schnell die Einkäufe für den Geburtstag am Wochenende besorgten. Das zeigen Untersuchungen durch das Citymanage-ment. In den Bereichen, in denen einige Gastronomen zumindest noch das „To-go-Geschäft“ aufrechterhalten, ist noch ein wenig Frequenz und die umliegenden Einzelhändler können so ein wenig Umsatz generieren. Die anderen Bereiche liegen nahezu brach. Hier geht man von einem Umsatzrückgang von bis zu 80 % aus. Auch in der Osterstraße ist die Verweildauer der Kunden fast auf das Nötigste beschränkt. In vielen Geschäften wird wieder verstärkt der hauseigene Lieferdienst eingesetzt und man hat große Sorgen, dass es wegen der nicht fallenden Zahlen der Neuinfektionen doch noch zu einem kompletten Lockdown kommt. Denn darin sind sich die Einzelhändler in der Osterstraße einig. Man hat großes Mitleid mit den Nachbarn aus der Gastronomie. Und alle teilen die Sorge, was passiert, wenn Cafés und Restaurants einen zweiten Lockdown nicht überleben. „Die Gastronomie ist für eine urbane und lebendige Einkaufsstraße überlebenswichtig“, so Quartiersmanagerin Arlette Andrae. „Das war auch ein Grund warum es in der Osterstraße keine Sonntagsöffnung am 8. November gab. Wir können keine Veranstaltung organisieren, wenn der Kontakt auf 10 Personen aus 2 Haushalten beschränkt ist. Außerdem haben sich die Einzelhändler solidarisch erklärt. Man wolle nicht noch einen zusätzlichen Verkaufstag anbieten, wenn die Nachbarn aus der Gastronomie komplett geschlossen bleiben müssen. Damit sind wir wieder bei dem sehr positiven und auch zukünftig erstrebenswerten Aspekt der großen Solidarität in Eimsbüttel untereinander. Ob es nun die Kunden und Kundinnen sind oder die Geschäftsleute die ihre gemeinsame Standortverbundenheit entdecken. Dass der eine nicht ohne den anderen kann und man nur gemeinsam als Ganzes funktioniert. Es bleibt die Hoffnung, dass wir alle diesen Gedanken auch über diese schwere Zeit behalten und uns vor allem auch in den guten Tagen (immer noch) daran erinnern. Denn was wären wir alle ohne ein lebendiges und buntes Be-zirkszentrum, in dem wir nicht, wenn alles überstanden ist, wieder flanieren können. Dazu passt auch, dass mit Hilfe der Bezirksfraktion der SPD und auf Initiative des Distrikts Eimsbüttel-Nord, die Interessengemeinschaft Osterstraße e. V. zumindest eine kleine Weihnachtsbeleuchtung in der Osterstraße installieren will. So sollen Tannen entlang der Straße und ein zentraler Baum auf dem Fanny-Mendelssohn-Platz für weihnachtliche Stimmung in dieser Zeit sorgen. Wir wünschen Ihnen allen eine besinnliche Weihnachtszeit und ein Frohes Fest. Und vor allem, bleiben Sie gesund. Til Bernstein (Text und Fotos)

 

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