Zehn Fragen zum „Lockdown“ aufgrund von Covid-19 an Torsten Meinicke, Buchladen Osterstraße 171

Veröffentlicht am 21.11.2020 in Features

Meinicke

In Frankreich durften während des Lockdowns im Gegensatz zu Deutschland Buchhandlungen offen bleiben. Sehen Sie hier ein Versäumnis der Bundesregierung?

Frau Grütters hat sich in dieser Zeit wiederholt sehr für den Buchhandel eingesetzt, konnte sich aber leider nicht durchsetzen. Jedoch hat das „Hintertürchen“, dass bestellte Bücher vor dem Buchladen abgeholt werden konnten, das Schlimmste – zumindest für unseren Buchladen – verhindert.

Konnten Ihre kurzfristig ergriffenen Maßnahmen wie ein persönlicher Lieferdienst „von Tür zu Tür“ ein Teil des weggefallenen Tagesgeschäftes kompensieren? Copyright: Silke Hauser

Die fünf Wochen des Lockdowns waren sehr anstrengend und arbeitsintensiv. Die Bestellungen über unseren Web-Shop schossen in die Höhe. Wir lieferten zu Fuß, mit dem Fahrrad und dem Motorrad im näheren und weiteren Umfeld aus. Das führte zu Frischluft, Stress pur und noch bescheideneren Margen als üblich. Aber ja, dank unserer treuen Stammkundschaft und da wir in der oberen Osterstraße nicht nur von Laufkundschaft leben, haben wir diese Zeit ganz gut überstanden.

Haben Sie den Eindruck, Buchhandlungen haben vor und nach dem ersten Lockdown einen negativen Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland gehabt?

Papier ist geduldig“, wird ja gesagt. Aber soweit ich gelesen habe: Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geht die Übertragungsmöglichkeit des Virus von Papier auf den Menschen sehr schnell gegen null. Außerdem sind unsere Kundinnen und Kunden sehr rücksichtsvoll, halten Abstand und tragen ihre Schnutenpullis. Und natürlich achten auch wir im Buchladen akribisch auf alle Hygienevorschriften. Die Gefahrenorte zur Ausbreitung des Virus befinden sich also definitiv woanders, in den Buchhandlungen sicherlich nicht.

Haben Sie nach dem ersten Lockdown Betriebsmittel in ihre Hygienekonzepte investiert?

Klar, Tücher, Desinfektionsmittel, Plexiglasscheiben und Hinweisschilder gehören im Buchladen Osterstraße seit März 2020 zum Standard. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass wir dafür einmal Geld ausgeben müssen. Lieber hätten wir es natürlich in spannende und politisch relevante Literatur investiert.

Welche Impulse erwarten Sie von den politischen Parteien in Eimsbüttel zur Kulturpolitik?

Wir würden uns wünschen: 1. Ein ernsthaftes Handeln gegen Mietwucher.
2. Ein konsequentes Vorgehen gegen Leerstand, denn der fällt schlussendlich auf alle Gewerbetreibenden in der Osterstraße zurück. 3. In diesen Zeiten ein Höchstmaß an finanzieller Unterstützung, vor allem für selbstständige Künstlerinnen und Künstler.

Wieviel Geschäft haben Sie während des Lockdowns an Internethändler abgeben müssen?

Ich hoffe, gar nichts. Wie schon gesagt, hat unser Web-Shop seit März 2020 gehörig an Fahrt aufgenommen. Aber die bundesweiten Statistiken sagen ja, dass Amazon und Co die Gewinner der Krise sind. Und das nervt, denn – es kann nicht oft genug gesagt werden – Kein Schwein braucht Amazon! Vor allem, da Bücher überall das Gleiche kosten.

Welche Erwartung haben Sie zur Geschäftstätigkeit in der Osterstraße für die nächsten Jahre?

Seriös kann ich das heute nicht beantworten, denn niemand weiß, welche ökonomischen, sozialen und psychischen Verwerfungen die Pandemie noch mit sich bringen wird. Aber wir schauen nach vorne und haben gerade unseren Mietvertrag um 10 Jahre verlängert, denn wir sind entschlossen, Eimsbüttel auch weiterhin mit gefährlich guter Literatur zu versorgen. Und natürlich hoffen wir sehr, dass die Menschen in unserem Quartier das nutzen und die Osterstraße als Ort der Nahversorgung so am Leben halten.

Welche positiven Impulse erwarten Sie für Ihre Buchhandlung vom diesjährigen Weihnachtsgeschäft?

Das ist eine etwas skurrile Frage, denn wer von uns weiß schon, wie es weitergeht. Sicher entscheidet das Weihnachtsgeschäft über das Wohl oder Wehe des ganzen Jahres in der Buchhandelsbilanz. Aber könne Familientreffen zu den Feiertagen stattfinden? Wird das kleine und feine Buchgeschenk überhaupt gebraucht? Wie wissen es – Stand heute – nicht. Aber wenn ganz Eimsbüttel zu uns und den anderen Kolleginnen und Kollegen in der Osterstraße kommt, um Bücher vor Ort statt online zu kaufen, wird das schon gutgehen. Aber das Wichtigste ist, dass möglichst alle gesund bleiben. Also: Kommt zahlreich, aber bitte nacheinander!

Wie wirken sich die in diesem Jahr quasi ausgefallenen Buchmessen auf die Nachfrage von Neuerscheinungen aus?

Das betrifft uns nicht sonderlich stark, ist doch der Buchladen Osterstraße schon immer für seine Beratungskompetenz berühmt. Die klassische Stapelware spielt bei uns im Laden nicht die Hauptrolle, wir empfehlen stattdessen gern gute Literatur aus unabhängigen und politischen Verlagen.

Welche Bücher möchten Sie unseren Leser*innen aktuell gerne ans Herz legen und empfehlen Sie als Weihnachtsgeschenk?

Oh, jetzt müsst ihr mich bremsen! Ich nenne stellvertretend für viele Bücher nur drei: 1. Michael Weber, Martha. Ein Leben auf St. Pauli, Junius Verlag. Das Ensemblemitglied des Schauspielhauses schreibt über seine frühe Zeit in Hamburg Anfang der 1980er-Jahre. Das alles mit viel Witz und Empathie für die sogenannten „kleinen Leute“. 2. Dominique Manotti, Marseille.73, Argument Verlag. Die ehemalige Professorin für Wirtschaftsgeschichte und aktive Gewerkschafterin aus Paris schreibt definitiv die besten politischen Noir-Krimis der Zeit. 3. Katrin Seddig, Sicherheitszone, Rowohlt Verlag. Die Hamburger Autorin macht den G20-Gipfel in unserer Stadt und seine Verwerfungen innerhalb von Familien zum Thema. (Dank noch einmal an Olaf Scholz!). 31 aktuelle weitere Lesetipps gibt es auf unserer Website und bei uns im Buchladen im „Lesefutter Winter 2020“. Und vielen Dank für das Gespräch!

Wir bedanken uns ebenfalls. Die Fragen für den Blickpunkt stellte Dennis Gehrmann.

 
 

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