ACABismus – eine neue Ideologie der 2020er?

Veröffentlicht am 23.06.2020 in Allgemein

Die Polizei – unser Freund und Helfer. Man könnte meinen, das war einmal. Wer heute durch eine Großstadt wie Hamburg geht, sieht auf Werbung für eine Karriere im Polizeidienst sehr häufig die vier bösen diffamierenden Buchstaben ACAB. Die provozierende Beleidigung „All Cops are Bastards“ aus den USA ist mitnichten so harmlos und nur eine Äußerung der Empörung. Wir sehen an den Bildern von den Aufständen nach der Ermordung von George Floyd, wie tief die Gräben stark benachteiligter wirtschaftlich schwacher Milieus und Polizei sind.

Auch bei uns nimmt die Wahrnehmung der Polizei als Bedrohung zu. Gleichzeitig wird sie zum Sündenbock von politischen Problemen und weltweiten Fehlentwicklungen erklärt. Eine Ideologie, die Welt sei nur durch künstliche Grenzen getrennt, und jeder Mensch sei nur kriminell aufgrund wirtschaftlicher Benachteiligung, bestimmen Perspektiven in linken Milieus und führen zur Radikalisierung, die man beachten muss.

Natürlich muss man über eine ungerechte Verteilung von Vermögen reden, natürlich muss man das Pareto-Prinzip des Welthandels als Ideologie, die Ungleichheit verstärkt, erkennen und eine Trickle-Down-Theorie als „Tropfen auf heißen Steinen“ (nicht zuletzt auch aufgrund des Klimawandels) ansehen. Die Politik der EU ist mitnichten so gut wie sie in den Medien dargestellt werden. Es sind nicht nur militärische Interventionen des Westens in Syrien oder Libyen, die zu den vielen Geflüchteten der letzten Jahre geführt haben. Wir als EU haben klare Interessen in den Ländern und Regionen um uns herum, genau wie andere Länder auch, und Machtpolitik ist oft abgründig und amoralisch.

Aber die Polizei ist eine Exekutive, die noch vor Geheimdiensten und Militär für Frieden und Sicherheit in einer Stadt sorgen. Die Polizei ist Teil der Bevölkerung. Auch sie registriert Fehlentwicklungen im Staat und in der Gesetzgebung. Auch jeder Polizist und jede Polizistin wählt.

In der Finanzkrise 2009 ff. hat die spanische Polizei Räumungsklagen nicht vollstreckt. Anders in den USA, wo nicht zuletzt auch Banken aus Deutschland m.W.n. Vollstreckungsbescheide gegen Hauseigentümer erwirkten, die Kredite nicht mehr bedienen konnten. Unsere Polizei versucht zu schlichten, wenn sie bei Streit gerufen wird. Sie sorgt bei häuslicher Gewalt für den Schutz der Opfer. Vielen Polizisten gehen Szenen von Gewalt und Missbrauch ebenfalls nah – nicht selten sind es Idealisten, die sich diesen Beruf ausgesucht haben, um „bei den Guten“ zu sein. Ein Dienstvergehen wie Bestechlichkeit und Korruption führt zur internen Untersuchung und mir sind keine Netzwerke bekannt.

Etwas anderes ist es natürlich, wenn Polizist*innen ihre Stellung als Staatsgewalt im Staat missbrauchen, um sich zu bereichern oder um die Bevölkerung zu tyrannisieren oder selber kriminelle Strukturen zu betreiben. Hier ist der Phantasie keine Grenzen gesetzt, auch wenn es oftmals Geschichten von Geheimdiensten sind, wie in den 80ern die Nicaragua-Contra-Affäre wenige Teile der CIA betraf, oder den BND, als er sich aus der „Fremde Heere Ost“-Abteilung von Reinhard Gehlen rekrutierte und Kriegsverbrecher für sich weiter melden ließ und Kanäle aus dem 2. Weltkrieg nach Damaskus, Teheran oder Kairo oder nach Südamerika pflegte, die den Mossad schließlich auf den Plan riefen.

Eine Untersuchung des ACABismus müsste die Frage klären, in wie weit das Bild der Polizei in diesen Milieus Erfahrungen wiederspiegeln oder popkulturelle Erzählungen sind. So gibt es eine ganze Reihe von überwiegend US-amerikanischen Filmen, die die Polizei in einem dezidiert schlechten Licht sehen. Spontan fallen mir Richard Gere in „Internal Affairs“ oder der Harrison Ford in „Der einzige Zeuge“ ein. Ein Film, der eine örtliche Polizeidienststelle als rassistisch kennzeichnet, ist zum Beispiel „Mississippi Burning“. Die Liste ließe sich ergänzen.

Auch in der Musik gibt es Songs, die die Polizei diffamieren. So sangen die Rolling Stones „Every Cop is a Criminal” und hier SDP feat. Sido “Bullen, Schweine”. Das in dem Song erwähnte “All Cats are Beautiful” ist die Chiffre, mit der man Shirts, Taschen, Caps, Sticker, Becher usw. bedruckt, um seine Meinung oder Gesinnung öffentlich zu machen.

Die Polizei in Hamburg hatte in den letzten Jahren außergewöhnliche Herausforderungen zu bewerkstelligen. Dazu gehörten neben dem G20-Gipfel vor allem die Flüchtlingskrise und seit diesem Jahr auch die Covid-19-Pandemie-Schutzmaßnahmen. Anders als in Bayern hatte man für Hamburg den Eindruck, dass die Polizei mit „Augenmaß“ auf die Bevölkerung einwirkte. Es gab vergleichsweise wenig Bußgelder, was zu einem entspannten Alltag beitrug. Aber auch die Krawalle letzte Nacht in Stuttgart zeigen, dass es in anderen Bundesländern brodelt. Jobs fallen weg, Discotheken sind geschlossen und der Luxus aus den Edelboutiquen ist begehrt, aber unerschwinglich. Man verabredet sich, um seiner Wut Luft zu machen. Der Aufstand in den USA stand ganz im Zeichen des wiederaufflammenden Rassismus, hier im Eskapismus.

Die Herausforderungen unserer Polizei werden dabei nicht weniger. Eine sich internationalisierende Mafia, die sich nicht mehr bekämpft, sondern miteinander kooperiert, hier zu uns gekommene Flüchtlinge, die im Bürgerkrieg gelebt haben und sich erst noch in die Strukturen der Behörden einleben müssen, und der erodierende Glaube an eine auf Mitbestimmung setzende und zunehmend autoritäre Demokratie. Bei all diesen Gründen wird m.E.n. die Polizei auch deswegen in einem so schlechten Licht gesehen, weil es in Deutschland nun seit einigen Jahren wie in den USA ja keine Allgemeine Wehrpflicht mehr aktiv gibt.

Das Erbe der Weimarer Zeit und des 2. Weltkrieges wiegt auch in einer Behörde wie der Polizei schwer. Heute versuchen wir, die Polizei zu einer bürgernahen, viele Sprachen sprechende und Kulturen achtende Institution zu machen. Die Polizei ist eben nicht ein repressives Organ, um andere Meinungen zu unterdrücken. Richtig ist, dass es viele noch zu klärende Vorfälle gibt, wie die NSU-Morde oder den G20-Gipfel.

Was wir aber nicht wollen und auch nicht gebrauchen können, ist die Ächtung einer Berufsgruppe, die sogar ihr Leben riskiert, um unsere Stadt zu einem sicheren und lebenswerten Ort zu erhalten.

Erinnern wir uns an den Jahresanfang, als die Polizei Hamburg dem Schauspieler Jan Fedder, der die erfundene Fernsehfigur, den Polizei-beamten „Dirk Matthies“, spielte, sogar ein letztes Geleit erwies, weil er für viele Polizisten und Polizistinnen eine Identifikationsfigur ist. Es ist nicht notwendig, unsere Polizei zu diffamieren, weil in den USA andere Verhältnisse herrschen, die man sich besser nicht herbeiwünscht.

Von J.A.Dennis Gehrmann               

 
 

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